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Foto: Anke Kleinemeier

"Ich reiche Euch die Hand!"

Eine Lesung mit Margot Friedlander

Geschrieben von Dorothea Grusnick am Dienstag, 30. Juni 2015

Wie kann es gelingen, unsere Schülerinnen und Schüler zu politisch und sozial verantwortungsvollen und toleranten Menschen zu erziehen? Wie können wir in der Schule die Themen "Nationalsozialismus" und "Holocaust" so nachhaltig vermitteln und behandeln, dass unsere Schülerinnen und Schüler sich 70 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkrieges aufgefordert fühlen, den Kampf gegen das Vergessen auch zu ihrer eigenen Sache zu machen?

Zwei Geschichtskurse unserer Schule waren am 30.6.2015 im Gymnasium Allee eingeladen, an einer Lesung von Margot Friedlander teilzunehmen. Margot Friedlander (geb. 1921 in Berlin) erfährt 1943, dass ihr Bruder von der Gestapo abgeholt worden ist und ihre Mutter ihm gefolgt ist. Ihr hat die Mutter lediglich eine kurze Botschaft hinterlassen: "Versuche, dein Leben zu machen."

15 Monate lebt Margot Friedlander in Berlin im Untergrund und hat 16 verschiedene Helferinnen und Helfer, die sie verstecken. Mehrfach entkommt sie der Gestapo nur knapp. Die Zeit im Untergrund ist zum einen geprägt von den Bemühungen, nicht als Jüdin aufzufliegen. Zum anderen aber auch von der quälenden Auseinandersetzung mit der Frage, warum die Mutter sie so vermeintlich kaltherzig allein gelassen hat. "Warum hatte meine Mutter nicht auf mich gewartet? Sie hatte sich für meinen Bruder entschieden. (...) Wollte sie mich nicht?" (S.109). Im April 1944 wird Margot Friedlander schließlich von der Gestapo verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Die Zeit im Lager überlebt sie mit Glück. Später erfährt sie, dass ihre Mutter und ihr Bruder in Auschwitz ermordet wurden.

1946 emigriert Margot Friedlander in die USA und entscheidet sich 2010, wieder nach Deutschland zurückzukehren - in ihre Heimatstadt Berlin. Wie versöhnlich es klingt, wenn Margot Friedlander zu uns und vor allem zu den Schülerinnen und Schülern im anschließenden Zeitzeugengespräch sagt, sie bereue diesen Schritt nicht. Sie sei gekommen, um uns die Hand zu reichen. Diese große Geste der Versöhnung ist verknüpft mit einem ganz klaren Appell an die junge Generation. Es ist die unmissverständliche Forderung von Margot Friedlander, sich am Kampf gegen das Vergessen zu beteiligen und sich für eine tolerante und menschliche Welt einzusetzen - immer und grundsätzlich.

Die Begegnung mit Margot Friedlander hat uns tief berührt und bewegt. Was bedeutet es eigentlich, wenn alles, was übrig bleibt von der Familie, ein Adressbuch, eine Bernsteinkette und die Erinnerungen sind? Wie kann man mit diesem großen Schmerz und diesem Verlust weiterleben? Diese Fragen beantwortete Margot Friedlander offen und persönlich und ohne Vorwurf.

Ihre Geschichte geht uns nah und macht uns fassungslos, aber ihre starke und beeindruckende Persönlichkeit und ihr klarer Appell für Menschlichkeit und Toleranz haben uns (Schülerinnen und Schülern und Kolleginnen und Kollegen) neuen Anstoß gegeben, dafür zu sorgen, dass Intoleranz und Hass keinen Platz in unserer Gesellschaft bekommen!

Wir bedanken uns an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei Margot Friedlander dafür, dass sie unser Herz berührt und uns aufgerüttelt hat; beim Gymnasium Allee für die Einladung und bei Anke Kleinemeier, die den Impuls für diese schulübergreifende Veranstaltung gegeben hat!

(Literatur: Margot Friedlander/Malin Schwerdtfeger: "Versuche, dein Leben zu machen". Als Jüdin versteckt in Berlin. Reinbek bei Hamburg, 2015(6))

 

(Foto: Anke Kleinemeier)

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